Ganbare! (14.12.09)

05. August 2010

“Das Einzige was die Dormitories tun, ist euch zu Weihnachten Bowlen gehen lassen.” Paul hatte Recht.
Yuka und Moe kommen total aufgetakelt angewatschelt und wir nehmen den Schulbus in die Stadt. Von den Jungs trägt jeder einen andersfarbigen Pullover. Sie sehen schon fast aus wie eine Boyband.
Ich fühle mich unter den anderen Mädchen genauso fehl am Platz wie ein Zebra im Walrossgehege, besonders wenn ich dabei zusehe, wie Yuka Moe dazu zwingt, frantisch die Falten aus ihrer Jacke zu klopfen. Als ob sich irgendjemand für ihre Jacke interessieren würde. Vielleicht, wenn sie einen Teil ihrer Zeit darin investieren würde, ehrlich nett zu sein und nicht durchgehend zu lästern. Sie und Moe schotten sich selbst von den Anderen ab. Nach dem Motto: “Mit diesen Kleinkindern wollen wir Nichts zu tun haben und die ganze Aktion ist sowieso Scheiße.”



Leider bin ich mit den beiden in einem Team. Ich war so lange nicht mehr Bowlen, dass ich erst mal meine Zeit brauche, um mich wieder einzugewöhnen. Zuerst sieht es aus, als würde ich als größter Loser des Abends enden, aber Tatsuya rettet mich. “Gib dein Bestes, Charlotte. Du kannst das.” Strike.
Von da an bin ich die Beste im Team (was auch nicht so schwierig ist) und in der zweiten Runde bin ich die Einzige, die überhaupt noch Punkte macht. Yuka legt die Kugel einfach nur noch auf die Bahn. Ihre Mundwinkel hängen genervt nach unten, sie hat einfach keinen Bock mehr. Wahrscheinlich schämt sie sich nicht einmal, sich kein bisschen für unser Team anzustrengen. Ich bin genervt, denke mir aber, dass es wohl das letzte Mal ist, dass ich mich über Yuka aufregen muss. Ich komme in eine Gastfamilie und muss nie wieder ein Wort mit ihr wechseln. Was für eine Erleichterung.
Auch wenn ich im Nachhinein besser als einige Jungs bin, kann ich die Punktzahl unmöglich retten und ich bin mir nicht sicher, ob wir das schlechteste oder zweitschlechteste Team werden, es interessiert mich auch nicht mehr. Der Busfahrer fährt uns zu “Kingu Babekyu” und ich setze mich ganz einfach zu Sayuri, Mae und Kumi, die wirklich noch die Korrektesten sind. Ich hätte die Zeit trotzdem lieber mit den Jungs verbracht.

Kuki Yomenai (11.12 – 13.12.09)

04. August 2010

Ich schleppe mein Drei-Tage-Gepäck mit zum Naginata. Erst zur Schulturnhalle und dann zur Naginata Abendschule, in die Alle anderen aus dem Club regelmäßig gehen. Alle außer mir, weil ich auf diesem dämlichen Internat wohne. Insgesamt haben wir am Freitag vier Stunden Training, und als Kaori und ich die 40 Minuten in der Bahn bis zu ihrem Haus absitzen, bin ich ziemlich erschöpft. Ihre Mutter holt und am Bahnhof ab. Sie ist Chinesin und ich kann sogar den Akzent heraushören. Auch in diesem Auto gibt es einen Fernseher. “Oh, guckt mal. Jackie Chan.”
Kaori’s Haus ist auf dem Land, die Gegend wunderschön. Rund herum sind Berge. Schöne, grüne Berge. Das Haus an sich wunderbar chaotisch. Überall liegt Zeug herum. Als wir ankommen sitzt Joseph am Küchentisch und isst. Er ist genauso still wie die Tage zuvor, die wir mit Tom, dem Australier, der total von sich eingenommen und ein bisschen nervig ist, im Computerraum verbracht haben, während die Anderen ihre Prüfungen schrieben. “Er muss sich nur einleben.”, sagt Kaori und ich schätze, dass er nicht so still war, als sie ihn in Neuseeland besucht hat. Ihr Englisch ist wirklich gut. Sie versteht Joseph sogar, wenn er mit seiner Mäusestimme nuschelt. Nach dem Essen hocken wir noch ein bisschen vorm Fernseher und Computer, ich bringe Kaori und Joseph ein bisschen Origami bei, wir duschen, wir gehen schlafen und dann doch nicht, weil ich und Kaori noch so lange reden. Über Englisch, Harry Potter, Neuseeland und Joseph. “Er ist ein Perverser.”, sagt sie. “Kennst du dieses Lied ‘We’re in a boat’? Davon hat jemand ein Lied mit ‘I want to sex goat’ gemacht.” Wir lachen. “Joseph redet oft Shimo-neta (Perverses Gerede)” “Cool. Ich mag Shimo-neta.” “Ich auch.” “Echt? Sonst sind Alle immer so schüchtern.” “Nö. Ich bin nicht schüchtern.” Kaori ist korrekt. Nach einer Weile höre ich von ihr nur noch gleichmäßiges Atmen und schlafe mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein. In ihrem völlig chaotischen Zimmer mit einem Boden aus Schulbüchern und Narutopostern an den Wänden, um zwei Uhr Nachts.



Einen Moment später höre ich Midori’s (Kaori’s Mutter) Stimme “Aufstehen, Kaori, Charlotte!” und wache auf. Das ist das erste Mal, dass ich träume, aufgeweckt zu werden. Im nächsten Moment klingelt nämlich Kaori’s Wecker. Es ist sechs Uhr. Wir schlingen unser Frühstück herunter, putzen Zähne, greifen unsere Sachen und ab ins Auto und zur Schule. Am Samstag, also wirklich. Kaori geht immer zum Naginata. Sie konzentriert sich wirklich sehr. Auf Schule, auf Sport, auf Alles. Außer auf Ordnung.
Suzuki-sensei lobt, wie gut ich beim Naginata geworden bin. Ich bin mir sicher, dass es eine rein psychologische Sache ist. Ich fühle mich anders. Es muss an den vielen Bruce Lee Videos liegen, die ich mir in den letzten Tagen angeguckt habe. Spiegelneuronen hieß das doch?
Joseph sitzt die ganze Zeit nur im Halbschlaf auf der Bank. Er tut mir fast schon Leid, aber er wollte nicht mitmachen. Ich frage mich, ob er so müde ist, wie ich in den ersten beiden Wochen.
Anstatt im Bahnhof herumzulungern und auf die Bahn zu warten gehen wir zu “Daiso” dem 100-Yen Shop, wo Joseph einen Haufen “Haichu” kauft. Eine Art Maoam, nur perverser.
Wieder zuhause essen wir unser “Bento” (Essen in Brotdose, meistens kalter Reis mit Beilagen) und Kaori muss wieder weg zu ihrem Privat-Englischlehrer. Hat sie eigentlich irgendwann mal Freizeit?



Joseph, ich und ihre kleine Schwester Ayaka gehen dafür mit ihrer Mutter zu einer Lehrerin in Teezeremonie. Sowas Kompliziertes.
Allein um die Tür zu öffnen, muss man die Hand drei Mal wechseln. Da lerne ich mal ein bisschen Kultur und Tradition kennen und frage mich dann nur wieso jemand etwas so kompliziert machen muss und man das Zimmer auf den Fingerknöcheln betreten muss, so dass es weh tut. Der Rest gefällt mir dann aber doch. Es macht Spaß, den Teebesen zu benutzen um Schaum zu machen, die Süßigkeiten schmecken gut, der Tee ist lecker, auch wenn Midori meinte, Macha (Grüner Tee) sei viel zu bitter.



Dein Leben ist eine Teezeremonie.
Wir kaufen Yakimo und plötzlich ist es dunkel. Der Ort liegt sehr nah am Meer, daher machen wir dort noch einen Minispaziergang. Strand gibt es hier keinen. Nachdem wir gegessen haben telefoniere ich zum ersten Mal seit drei Monaten mit meiner Mutter über Skype, da Kaori’s Computer zum Glück ein Mikrophon hat.
Kaori und Joseph sind auf ihrem Zimmer und versuchen ein Maori-Aufstellhaus aus Pappe zu basteln, bekommen es aber nicht hin. Also tu ich das und wir essen Cadbury-Schokolade, die Joseph mitgebracht hat. Kaori sitzt dann über ihre Schulbücher gebeugt und tut so, als ob sie lernen würde, hört aber in Wirklichkeit Joseph zu, der mich mit den besten Szenen aus seinen Lieblingsanime und Manga zutextet. Auf einmal redet er wie ein Wasserfall. Bleach, Bleach, Bleach. “…Und in der Folge wo Ichigo…und er packt das Schwert…und BÄM…und sein Bankai…” Ich muss ihm bestimmt zehn Mal sagen: “Joseph, ich hab nur die ersten 11 Folgen gesehn.” Und er erzählt trotzdem weiter, als ob ich Alles kennen würde. Dann lachen wir Kaori aus, die immer noch am gleichen Satz sitzt.



Der nächste Morgen ist gemütlich. Niemand hetzt. Wir gehen zum Mittagessen zu Kaori’s Privat-Englischlehrer. Das Haus befindet sich auf halber Höhe eines Berges und hat im Wohnzimmer ein großes Fenster, durch das man die umliegenden Berge und Felder von oben herab überblicken kann. Die Familie muss ziemlich viel Geld haben. Verhältnismäßig. Einen Hund haben sie auch. Er humpelt und haart überall hin und ist angeblich auch schon über 100 Menschenjahre alt.
Er scheint mich zu mögen und streckt mir immer wieder die Pfote entgegen. Ich dachte, Japaner geben sich nicht die Hand.



Anscheinend bin ich ein Magnet für Leute, die viel reden. Ich muss nur einem Lehrer über den Weg laufen und er beginnt, mich zuzutexten. Kaori’s Lehrer wälzt seine Bücher über die Entstehung der Kanji heran und redet, redet, redet, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass mein Japanisch kaum zwei Jahre alt ist. Joseph benimmt sich wie immer seltsam. Manchmal tut es mir weh, ihn anzusehen, weil all seine Bewegungen verkrüppelt, tollpatschig und ängstlich aussehen. Nach dem Essen bestehen ich und Kaori darauf, den Berg zu erklimmen, den man gegenüber sehen kann. Sie liebt Natur, sagt sie.



Der Lehrer fährt uns zum Fuß des Berges und wir wandern hoch, während ich eine Menge Fotos mache. Joseph jammert. Entweder er sagt Nichts, oder er redet über Bleach, oder er jammert. Was er cool findet, ist ein älteres Haus, an dem wir vorbei kommen. Oben angekommen steht eine kleine Statue und eine Geldbox, in die man Geld als Opfer für einen Wunsch wirft, und er lacht darüber. Ich finde zwar auch, dass man kein Geld opfern sollte, aber ich lache nicht darüber, dass die Menschen sich damit etwas wünschen.



Wieder zurück trinken wir draußen Tee und essen Schokolade. Kaori friert. “Können wir nicht reingehen?”, fragt sie. “Aber wieso? Hier draußen ist es cooler.”, sagt Joseph. Er ist absolut unnachgiebig und Kaori friert weiter. Ich finde es draußen auch schöner, aber kann sie ja nicht frieren lassen, also gebe ich ihr meine Jacke. “Joseph ist KY.”, sagt sie. Das bedeutet “Kuki Yomenai.” “You can’t read the atmosphere.” Oder einfacher gesagt: Unsensibel den Gefühlen Anderer gegenüber.
Kaori muss wieder in die “Vorbereitungsschule” und ihre Mutter, Joseph, Ayaka (ihre kleine Schwester) und ich gehen shoppen. Oder besser gesagt: Joseph geht shoppen. Während ich und Midori beim Friseur sind kauft er Manga, Rirakura Artikel, Plüsch-Rirakuras, eine Rirakuma-Uhr und massenhaft Bleach-Anhänger aus Kugelautomaten, bis genau die herauskommen, die er haben will.



Es kommt mir ehrlich gesagt vor, als wäre er nur nach Japan gekommen, um zu kaufen. Er ist der typische Gaijin-Otaku. Hat Japanisch in der Schule gewählt, weil es eben angeboten wurde und er total auf Manga und Anime steht und sich dachte “Wieso nicht?”. Der Null Interesse an den kulturellen Dingen hat, sondern nur an japanischen Produkten. Er wedelt Kaori sogar mit einem Fächer aus 50-Dollar Scheinen vor der Nase herum, die er umtauschen will. Die Scheine, nicht die Nase. So viel zu Joseph.
Ich bin ein bisschen entsetzt darüber, wie viel Kaori lernt. Nach den Prüfungen, wohlgemerkt. Sie hat das ganze Wochenende über kaum Zeit und ich bekomme wahrscheinlich sogar mehr von ihrer Mutter zu sehen, als von ihr. Als ich sie darauf anspreche sagt sie: nein, sie sei nicht beschäftigt.
Ihr Vater ist praktisch inexistent. Ich bekomme ihn nur zwei Mal zu sehen und auch dann nur seinen Hinterkopf, der ziemlich unter Haarausfall leidet. Er fährt mich und Kaori zum Bahnhof, redet nicht mit mir und könnte auch genauso gut eine Gummipuppe sein. Im Haus sehe ich ihn niemals. Entweder ist er ein typischer “Salary Man”, oder Kaori’s Eltern sind ganz einfach nicht mehr zusammen.

(6.12.09) Riesige Zehen

16. Januar 2010

Dieses Mal nehmen Mr. Burke und Kazoue mich mit nach Ibaraki, um die groesste Buddhastatue der Welt zu sehen. Dieses Mal fahren wir mit dem Auto und ich lasse mich von den beiden zuqualmen, waehrend Paul “100 greatest hits” CDs aus Australien auflegt. Lily Allen, Muse, Gnarls Barkley und sogar TV on the Radio. Danach Black Eyed Peas, wobei wir alle mitsingen. “Ha ha haaa, just pump it.” Ich fuehle mich wesentlich wohler als beim letzten Mal. Ich denke ich habe akzeptiert, dass Paul genauso viel Lust hat, eine Vaterfigur zu sein, wie Dr. Cox. Und ich habe mich an seine Frau gewoehnt. Fast.



Die Statue in Ibaraki kann man schon Kilometer entfernt sehen, so gross ist sie. Ueber 100 Meter, hoeher als die “Statue of Liberty” (40 Meter). Drum herum ist eine Art Parkanlage und wir fuettern die Karpfen dort, bevor wir den Fahrstuhl in der Statue nehmen.





Der Buddha haelt seine Haende in Form eines Segens. Er wurde irgendwann 1900 gebaut und die Innenraeume sind kitschig eingerichtet. Bunte Lichter an den Waenden. “Fast wie Disneyland.”, meint Kazo. Es gibt haufenweise Souvenirs zu kaufen und ueberall stehen Boxen herum, in die man Geld werfen soll. Gibt es eine Religion, die kein Geld verlangt?



Oben angekommen koennen wir durch die Fenster in Buddha’s Brust gucken und die gesamte Gegend ueberblicken. Ein anderer Raum zeigt die Geschichte Buddha’s und seine Erleuchtung. Alles ist sehr Attraktionsorientiert, so dass der Ort vermutlich kaum noch etwas mit dem echten Buddhismus zu tun hat, aber bemerkenswert ist es allemal. Was es wahrscheinlich auch tun soll, protzen.



Auf der Parkanlage gibt es auch einen Kleintierzoo. Zwei Ziegen stehen in einem zwei-Meter-Durchmesser Gehege auf Beton, angekettet und mit trueben Blicken. Mir wird schlecht. Es gibt eine Affenshow mit Affen an Leinen. Zum Glueck nicht zu der Uhrzeit, als wir dort sind. Hiess es im Buddhismus nicht, Tieren kein Leid zuzufuegen? Was ist los mit diesen Leuten?
Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren Essen. Leckeres Sandwich. Paul erzaehlt, dass die Japaner kein amerikanisches Fleisch mehr importieren wollten, weil es Faelle mit Rinderwahn gab. Daraufhin wollten die Amis die Japaner zwingen, ihr Fleisch zu kaufen, mit dem Versprechen, dass es nicht wieder vorkommen wuerde. Tat es aber. Die Japaner kontrollierten die Lieferungen und fanden wieder infiziertes Fleisch. Der Import wurde eingestellt und es wurde nur noch australisches Rindfleisch gekauft. Gut fuer Australien, schlecht fuer die USA. Die Amis aenderten schliesslich ihr System und zwangen die Japaner, wieder zu handeln. Seitdem gibt es einen Stempel mit einer laechelnden Kuh und der Aufschrift “We care”. Aber die meisten kaufen trotzdem das australische Fleisch.
Nach dem Essen fahren wir nach Sakura. Kazo entdeckt einen Schrein und besteht darauf, hineinzugehen. Wir finden einen Stand, an dem man “Omamori” (eine Art Gluecksbringer/Segen) kaufen kann. Wenn dann braeuchte ich einen fuer Erfolg, denke ich. Ich sehe mich um, waehrend Kazo irgendetwas kauft. “Here, it’s a present for you.”, sagt sie und drueckt mir ein Tuetchen in die Hand. “Which one did you get her?”, fragt Paul. “Beauty.” Er lacht.
“Huh?” Ich sehe sie fragend an. Soll das eine Beleidigung sein? Nein, nein, sagt sie. Es sei nur, damit ich NOCH schoener werde. Solche Sprueche kenne ich irgendwoher und glaube ihr nicht wirklich, aber es macht mir Nichts aus. Fasziniert wird mir klar, dass Schoenheit eine der letzten Sachen ist, die ich mir wuensche, und nur in meinen schwachen Momenten. Es gibt so viel Wichtigeres, das mir fehlt. Der Rest ist mir eigentlich schon genug.



Alte Samuraihaeuser. Sie sehen noch so aus, wie ich es aus den Flimen kenne, bis auf eine Steckdose hier und dort und einen Wasserhahn. Der Rest ist traditionell und schoen, besonders der Garten des Zweiten der drei Haeuser, die wir besuchen.





Paul erklaert mir, dass die Decken jedes Raumes verschiedene Hoehen haben, damit, wenn der Samurai des Hauses angegriffen wurde, er den Feind in einen anderen Raum locken konnte und dessen erhobenes Schwert in der Decke stecken blieb. Wer das Gebiet kennt, hat immer einen Vorteil.
Was ich weiss, ist dass man nicht auf den Ritzen der Tatamimatten sitzen sollte, in der Gefahr, dass Feinde sich unter das Haus schleichen und ihre Schwerter durch den Boden stecken.
Die Waende sind duenn und aus Papier, weil es in Japan keine Kanonen gab, sagt Paul. Kein Grund fuer Mauern.



Die Rueckfahrt ist der beste Teil des Tages. Wir reden im Auto ueber alles Moegliche und dieunpersoenliche Barriere scheint verschwunden zu sein. Wir reden darueber, dass ich am naechsten Wochenende bei Kaori’s (vom Naginata) Familie unterkomme, die im Moment auch Joseph aus Neuseeland als Gastschueler hat. Eine coole Familie, sagt Paul, weil sie nicht ausflippen, zwei Auslaender gleichzeitig im Haus zu haben. Er sagt, Kaori’s Englisch waere in den zwei Wochen Neuseeland extrem gut geworden und sie versteht wirklich sehr viel. “I wonder why Karen’s family hasn’t offered yet.” “For me to stay there?” “She probably thinks you’re competition.” “It’s not that. I guess our characters don’t fit at all…” “Yeah if I was a high school kid, I don’t think I would get along with her either. She’s… what’s a good word?” “Over-polite?” “No, I’m probably not supposed to say this…” Dann tut er es doch. “She’s full of shit.” Und lacht. Er hat vollkommen Recht. “She’s just too perfect.” Und wenn jemand perfekt, galtt wie ein Aal und immer freundlich ist, weiss man, dass die Person ein verdammter Luegner sein muss. Nicht authentisch und nicht vertrauenswuerdig. Das erinnert mich an mich selbst. Wenigstens bin ich auf dem Weg der Besserung.
Weil wir noch eine Stunde Zeit haben, bevor ich zurueck auf das daemliche Internat muss, gehen wir Karaoke singen. Die Box ist klein und stinkt nach Urin aber es macht trotzdem einigermassen Spass. Mir faellt es sogar nicht so schwer, ein paar Lieder zu singen. Paul hat damit natuerlich kein Problem. Dem Typen ist Nichts peinlich und ich beneide ihn darum. Wie haueft man so viel Selbstvertrauen an?




Dein Leben ist ein Cheesyshop (28.11.09)

10. Januar 2010

Die Frau, die Mr.Burke geheiratet hat, kann nur cool sein, denke ich. Die beiden sind so nett und nehmen mich am Samstag mit nach Narita.



Alles kommt anders als ich denke. Mr.Burkes Frau ist eine unglaublich huebsche, unglaublich junge Japanerin. Ihr Englisch ist ekelhaft suess, sie traegt die stylischste Mode und flucht durchgehend ueber den Verkehr. Mr. Burke dreht sich zu mir nach hinten. “Want a gum, mate?” Aeh, nein Danke. Seit wann benuttzt man “mate” fuer weibliche Wesen?
Im Prinzip sind er und seine Frau ein totales Klischee. Auslaender geht nach Japan und angelt sich eine heisse Japanerin. Sie will nicht nach Australien. Sie liebt “Cheesy Shops”, wie Mr. Burke sie nennt. Kleine Laeden mit Gedoens und Hello Kitty Merchandise, kitschigen Souveniers und Plastikanhaengern, die keiner braucht.
Sie liebt Shoppen, sie laesst keine Fotos von sich machen.
Doch, es gibt eine Gemeinsamkeit: Beide rauchen. Applaus.
Auf den ersten Blick kann ich wirklich nicht sehen, warum sie zusammen sind und fuehle mich mehr und mehr, als waere sie die neue Freundin meines Vaters. Ja, ich bin eifersuechtig.
“Sie war meine Englisch-Schuelerin.” Baeh.
Ich sollte damit aufhoeren. Mein Vater ist irgendwo in Deutschland und spaziert nicht in Lederjacke und einer laessigen Zigarette im Mund durch Narita. Manchmal kann man die eigenen Macken nur hassen.
Dann setzt eine leichte Paranoia ein. Was, wenn sie mich nicht ausstehen kann? Was, wenn sie denkt, ich waere eifersuechtig auf sie? Mit Entsetzen entdecke ich, dass ich mich in der Gesellschaft von Japanern vielleicht sogar wohler fuehle.
“She’s gone native.”, sagt Mr. Burke, als ich einwillige, Unagi (Aal) zum Mittag zu essen. Solange ich nicht allzu viel sage ist es noch aushaltbar. Sobald ich den Mund aufmache, kommt nur Schrott heraus und ich werde wuetend auf mich selbst. Meine Gedanken laufen durch Labyrinthe und vielleicht bin ich ein kleines bisschen verwirrt, dass er zwar zu meiner Vaterfigur geworden ist, sich aber ueberhaupt nicht so verhaelt.
Vielleicht bin ich damit nicht alleine.
Wir bleiben vor einem Aalrestaurant stehen und sehen zu, wie lebendige Aale mit dem Kopf auf einen Eisenstab gesteckt und entgraetet werden.



Mr. Burke sieht dem beinahe mit uebermaessigem Enthusiasmus zu. Echt oder gespielt? Kann man Freude an dem Anblick von durchbohrten Fischkoepfen haben?
Die Haut wird ihnen abgezogen, waehrend sie sich unter Schmerzen winden und zappeln und Blut aus dem Loch in ihrem Kopf blubbert.



Besser schmecken tut ein Fisch, dessen Tod man gesehen hat, auf jeden Fall. Gesehen zu haben, dass das Tier, welches ich gerade im Mund habe, einmal gelebt hat, verleiht dem Ganzen erst seine Realitaet. Ja, das ist ein Tier. Es hat einmal gelebt und geatmet wie ich, es hat Schmerz empfunden und ist gestorben, um mich zu ernaehren. Ein Opfer, dass ich dadurch ehre, es zu geniessen. Es ist widerlich, Fleisch weg zu schmeissen. Es ist wirderlich, im eigenen Kopf Fleisch nur als Essen zu betrachten, ohne zu registrieren, was es wirklich ist und wo es herkommt.
Mr. Burke bietet mir an, Bier zu trinken. Das gesetz in Japan setzt das Alter fuer Alkohol auf 20 fest, aber er ist der Meinung, dass in Deutschland sowieso alle mit 10 Jahren mit dem Saufen anfangen. Auslaender sehen sowieso immer aelter aus, denen geben die das Bier auch ohne Ausweis, sagt er. Ich habe trotzdem keinen Durst und er fragt etwas Anderes. “Wanna try eating some grasshopper?” Ja, wieso nicht?
Wir gehen zu einem Laden, vor dem sich silbrige Minifische in Schaelchen reihen. Der Inhalt eines Schaelchens sieht verdaechtig nach Skorpion aus. Danaben die Grashuepfer. Sie sind nicht gruen und frisch, wie ich erst dachte, sondern klein, braun und mit irgendeiner Sosse ueberzogen. ”Schmeckt genauso wie Aal.”, sagt Mr. Burkes Frau, deren Namen ich mir nicht merken kann, in ihrem suesslichen Englisch. Es waren vielleicht einmal die grossen Gruenen, sagt sie, aber vermutlich schrumpfen sie beim Braten.



Ja, das ist ein Grashuepfer. Charlotte isst einen Grashuepfer. Und er schmeckt gut. Knusprig und nach Aal.
“Girl’s gone native…” Nicht ein Japaner meiner Schule, den ich spaeter frage, isst Grashuepfer. “Igitt!”
Wir sind beim Tempel angekommen. Bevor man eintreten darf, muss man sich reinigen. Eine Hand waschen, die andere hand waschen, Mund ausspuelen, nochmal die Hand waschen. Mr. Burke sagt, zum Mund ausspuelen sollte man unbedingt nur das fliessende, frische Wasser benutzen. Er wuerde einen Typen kennen, der besoffen einmal in ein solches Becken hineingepinkelt haette.



Nach ein paar Treppen sind wir direkt vor dem Tempel. Mr. Burke’s Frau bleibt Draussen stehen, warum bleibt mir ein Raetsel. “She can’t go in because she will turn into the vixen-spirit, that she is.” Wir sehen uns den buddhistischen Tempel nur von hinter einer Glasscheibe an. Ziemlich dunkel, Leute hocken dort herum und ein Moench haelt die Messe (?). Mr. Burke moechte nicht weiter gehen, wel es nicht seine Religion ist und er es unfreundlich findet, in anderer Leute Tempel zu spazieren. In Wirklichkeit haben die Japaner, die ich gefragt habe aber nichts dagegen.



Inari-sama ist cooler, sagt Mr. Burke. Der Shintoistische Fuchsgott hat einen kleinen Schrein neben dem Tempel. Der ist offen fuer jeden, sagt er. Man geht hin, bringt Essen, eine Kerze und zwei kleine Katzenfiguren, laeutet die Glocke, klatscht zweimal in die Haende und bittet den Gott um etwas. Ich frage mich, ob Fuchsgoetter Deutsch verstehen, oder ob er sich irgendwo ueber meine japanische Uebersetzung kaputt lacht. Burke’s Frau gibt mir noch zwei Kerzen, die ich in Deutschland anzuenden soll, damit ih mir dort auch etwas wuenschen kann.



Das Schoenste am ganzen Tempel ist der Wasserfall, auch wenn er angeblich nicht echt ist. Er befindet sich in einem Waeldchen und Burke sagt, dies war sein Chill-Ort, als sie noch in Narita wohnten. Wenn keine Leute da sind, muss es im ganzen Tempel sehr schoen sein, aber bei dem Auflauf weiss ich nicht, wie man sein Zentrum finden soll und der spirituelle Geist (noch nie von spirituellen Geistern gehoert?) geht floeten.



Naechstes Ziel: Das Einkaufszentrum in Narita. Dort finde ich den Grund fuer den Tag. Es gibt einen Buchladen mit Englischabteilung. Das Allererste Buch, dass mir ins Aug faellt, ist Fight Club. Burke und ich aeussern gleichzeitig einen Laut der Ueberraschung und greifen zeitgleich scheinbar nach dem gleichen Buch, doch er zieht das Buch heraus, welches direkt daneben steht. Ich lasse mein Fight Club nicht mehr los. Burke’s Buch heisst “Foucault’s Pendulum” von Umberto Eco, der auch “Der Name der Rose” geschrieben hat. In diesem Fall ist der Name groesser gedruckt, als der Titel. Mr. Burke empfiehlt es mir, warnt mich aber vor kompliziertem Englisch und 200 Seiten Einlesezeit. Ich vertraue ihm blind. Eine Woche kaempfe ich mich durch. Es ist zu hoch fuer mich. Groesstenteils fehlen mir ganz einfach die geschichtlichen Kenntnisse. Fight Club dagegen lese ich in einem Weltraumaffentempo gleich zwei mal hintereinander. Es rockt. Der Fluss der Gedanken des Erzaehlers wird noch viel besser vermittelt, als im Film und mir gefaellt der Schriftstil unheimlich gut, weil er mal etwas ganz Anderes ist. Tyler Durden ist uebrigens genial. Und Tyler Durden lebt.

Homestay roxx my soxx! (20.11.09 – 22.11.09)

11. Dezember 2009

1 Woche frueher

“Das ist Hikaru, bei ihr wirst du am Wochenende wohnen. Und das ist Kanae, sie wird auch mitkommen.”, sagt Hasuma-sensei und deutet auf die beiden Maedchen. Ich bin so froh, endlich einmal aus den Dormitories herauszukommen, aber mache mir auch ein bisschen Sorgen, was ich Alles falsch machen koennte. Besonders vor japanische Vaetern habe ich Angst. Ich habe diese Bild eines gealterten, strengen, muerrisch blickenden Japaners im Kopf, der nur Abends zum Essen anwesend ist und allen Respekt verlangt, den er kriegen kann.



“Wisst ihr schon, was ihr machen wollt?”, fragt Hasuma-sensei und dann fragen sie mich. Nach Disneyland/Sea will ich definitiv nicht noch einmal gehen und Kanae dankt mir dafuer. Sie war schon zu oft dort, sagt sie. Hikaru moechte kein Fleisch essen. Sie ist Vegetarierin. Wir koennen uns nicht entscheiden, aber dafuer ist auch noch genug Zeit. Fest steht, dass eine Disneyland-Hasserin und eine Vegetarierin nicht so langweilig sein koennen.

Gemuetliche Sardinenbox

Am Freitag nach der Schule werde ich von Hikaru und ihrer Mutter abgeholt und wir fahren zu “Jusco”, um noch schnell eine DVD auszuleihen. Auf der Fahrt stelle ich erstaunt fest, dass ich Japanisch spreche. Ich kapiere sogar, was sie sagen. Sogar immer oefter, was sie zu anderen sagen, wenn sie ihr Sprachniveau nicht fuer mich herunterschrauben. Hikaru ist nett, ihre Mutter ist nett, und Mori (Kanae), die beim Einkaufen dazu kommt, ist auch nett. Hikaru haeuft endlos Massen von Suessigkeiten in den Einkaufswagen. Anscheinend nimmt sie die Chance wahr, Alles kaufen zu koennen, was sie will, unter dem Vorwand, ich muesste es unbedingt mal probieren. Das geht von Fanta “Cassis” ueber Reiscracker mit Zuckerbezug bist zu Takoyaki (Tintenfisch in Teigbaellchen). Schliesslich ist der Einkaufswagen bis ueber den Rand gefuellt, mit so viel Essen wie wir gerade noch tragen koennen. Ich finde das Alles nur wahnsinnig cool. Nicht, dass wir einen ganzen Bauernhof konsumieren, sondern dass ich nicht alleine in meinem Zimmer sitze und in Selbstmitleid bade. Es fuehlt sich zum Ersten Mal nach Japan an. Als haette mein Auslandsjahr gerade erst angefangen. Wir leihen “Burn after Reading”, einen Film, den ich schon lange sehen wollte und den Hikaru auch in Ordnung findet, weil “Burappi” (Brad Pitt) mitspielt. In Hikaru’s Zuhause angekommen, setzen wir uns hin und essen das Takoyaki. Der Tintenfisch ist etwas ungewohnt, aber wenn man es in den Mund nehmen kann, kann man es auch runterschlucken. Als der Vater nach Hause kommt, beginnt er sofort, mich ueber Deutschland auszufragen. Er ist ganz anders als meine Vorstellung von japanischen Vaetern und ich muss ueberhaupt keine Angst haben. So, wie die Familie ihn die ganze Zeit auslacht und veraeppelt, scheint nicht einmal die Sache mit dem Respekt zu stimmen. Nach dem Essen (Tofu, Gemuese, Reis, Sashimi = roher Fisch und Krimskrams, der viel leckerer ist als das, was uns auf dem Internat zugemutet wird) verschwindet er erst einmal nach Draussen, um zu rauchen, wofuer ich dankbar bin. Wir besprechen, was wir am naechsten Tag unternehmen wollen.



Es gibt mehrere Kofun (Grabhuegel) in der Gegend, aber ich bin viel zu fasziniert von dem Fudepen (Pinselstift), mit dem Hikaru schreibt, als richtig zuzuhoeren. Natuerlich muss ich das auch ausprobieren. Wir sitzen noch sehr lange am Tisch, reden und spielen mit Kanji, bis Hikaru, Mori und ich uns nach Oben verziehen. Wann sass ich das letzte Mal gemuetlich mit Familie am Tisch, um einfach nur zu reden?



Das Haus ist ziemlich kompakt. Die Treppe ist extrem eng und nirgends ist ein Fleckchen mehr Platz, als benoetigt wird. Ohne Schiebetueren (die ich liebe), waere diese Enge garnicht moeglich. Das Haus gleicht einer Schubladenbox.



Ich habe sogar mein eigenes Zimmer, indem frueher Hikaru’s grosse Schwester wohnte, die nun ausgezogen ist. Es ist spartanisch eingerichtet, oder eher nicht, da spartanisch und eingerichtet doch irgendwie Gegensaetze sind. Es gibt einen Schrank in der Wand und einen Futon/Matraze auf dem Boden, aber im Gegensatz zu meinem Zimmer im Internat ist es nicht grau und ungemuetlich. Wir gehen auf Hikaru’s Zimmer um den Film zu gucken.



Er ist komplett anders als wir erwartet haben und ich glaube der Sinn des Films ist, dass er keinen Sinn hat. Daruber muss man erstmal nachdenken. Was ich daraus gelernt habe ist, dass es nur zu Chaos fuehrt, wenn jeder mit jedem schlaeft, aber darauf haette man auch von selbst kommen koennen. Ich frage mich, ob die japanischen Untertitel ueberhaupt gut genug waren um nicht total verwirrt zu werden, aber vielleicht war es auch das allgemeine Ziel des Films, zu verwirren. Kurz: Ich blicke es nicht. Es ist wie mit einem Haufen Muell. Man kann sagen: “Das ist ein Haufen Muell.”
Man kann aber auch sagen: “Das ist Kunst.”

Kreation
Samstagmorgen stehe ich erst einmal um halb neun auf, nachdem ich um halb zwei geschlafen habe, gehe herueber und wecke Mori und hikaru. Dann dusche ich. Die Dusche ist cool, ich will auch so eine haben. Es ist ein seperater Raumkasten, ausgestattet mit einer tiefen Badewanne und einer Ecke, in der man duscht. Dort steht ein Duschhocker und ein Spiegel, in dem man sich beim Duschen zusehen kann. Das ist etwas fuer Narzissten und ich finde es lustig.
Zum Fruehstueck gibt es Broetchen und kein Mittagessen, wie im Internat. Broetchen mit Misosuppe und Philadelphiakaese als Aufstrich ist so viel besser. Die Mutter hat eine Vorliebe dafuer, Kaesestueckchen in Noriblaetter einzurollen und ich muss ihr Recht geben. Nach dem Essen fahren wir zum “Kokuritsu Minzoku Rekishi Hakubutsukan” (Nationales Museum fuer Japanische Geschichte), doch bevor wir hingehen, gehen wir Ramen (Nudelsuppe) essen. Es gibt so oft Ramen, wenn ich nach Deutschland zurueck komme, werde ich kein Ramen mehr sehen koennen. Lecker ist es trotzdem.



Auf der Fahrt zeigt mir Hikaru ihre japanische Lieblingsmusik. Zum Glueck nicht “Arashi” (Sturm, eine daemliche, peinliche Boyband), sondern Ayaka und Greeen, was beides hoerbar ist.
Ich lasse sie und Mori ein bisschen von meiner Musik hoeren, darunter auch Hip-Hop und amuesiere mich, dass sie nichts verstehen, aber sage ihnen, dass es vulgaer ist. Abseits von Musik scheinen sie nicht so viele Interessen zu haben. Allgemein erscheinen sie mir ziemlich hobbylos, auch wenn sie nett sind. Viele machen keinen Sport und auch sonst nichts Besonderes. Vielleicht haben sie einfach keine Zeit. Auf jeden Fall sind sie immer erstaunt, wenn ich ihnen meine zehn Lieblingsbeschaeftigungen aufzaehle. Von Hikaru weiss ich, dass sie gern schwimmt und Origamigenie ist, dass sie spaeter in einem Hotel arbeiten moechte, weil sie dann Englisch benutzen kann, und dass sie und Mori noch in keinem anderen Land als Japan und Neuseeland waren, wo sie zusammen mit Hasuma-sensei, Kaori und ein paar anderen eine Klassenreise mit Austausch gemacht haben. Sie zeigen mir die Fotos davon und erzaehlen, dass einer der Neuseelaender im Dezemver nach Japan kommt, wovon ich aber schon weiss.



Im Museum organisiert der Vater mir einen englischen Laber-Rekorder, der mich zu jeder Station volltextet, was sehr praktisch aber auch zeitaufwendig ist. Am Interessantesten finde ich die Joumon und Yayoi-Perioden am Anfang.



Sie sind einfach zu verstehen und ich habe schon in Mr. Burke’s Buch darueber gelesen, aber vor Allem gefaellt mir die Toepferei und dass die Japaner zu dieser Zeit ein Jaeger und Sammler Volk waren.





Die Perioden danach, Yamato, Nara, Heian und so weiter finde ich persoenlich ziemlich kompliziert. Vielleicht ist Politik einfach nicht mein Ding.



An diesem einen Tag schaffen wir knapp die Haelfte des Museums, japanische Geschichte ist zu verdammt lang, aber interessant ist es auf jeden fall, auch wenn mein Kopf danach weh tut.



Zum Abendessen fahren wir in ein “All you can eat” – Yakiniku Restaurant. Es ist glaube ich, zwei Stunden, in denen man Alles Essen kann, was man will.



Ekelhaft aber toll. Man legt duenne Fleisch, Pilze und Kuerbis auf den in die Tischplatte eingelassenen Grill.







Ich esse dazu noch ein paar Stueckchen Sushi und zum Nachtisch Jelly, Toertchen, Schokoteigbaellchen mit Schokofuellung, in Schokolade getauchte Waffeln und Schokoladeneis. Hey, ich bin auch nur ein Mensch. Hikaru kostet das Essen bis zum Schluss aus und holt sich drei Minuten vor Schluss noch ein Vanilleeis, das sie nicht schafft und welches dann von ihren Eltern herunter geschlungen wird.



Wenn Japaner etwas lieben, dann Essen. Sie reden den ganzen tag davon, aber es ist nicht so, als ob das in Deutschland anders waere. Wieder Zuhause angekommen haben wir eigentlich vor, zu dritt Origami zu falten, aber bleiben irgendwie and dem Ton haengen, den ich bei Jusco im 100-Yen Shop gekauft habe.



Diese 100-Yen Shops sind wahnsinng praktisch. Fast Alles kostet nur 100 Yen (das ist etwas unter 1 Euro) und es gibt so viel. Dazu ist die Qualitaet ziemlich gut. Anders als bei Kik. Der Ton, den ich gekauft habe ist kein richtiger Ton, sondern eine Art Mischung aus Knete und Schaumstoff und es ist extrem schwierig, ihn ohne Risse zu formen, aber das liegt daran, dass es Trockenton ist. Ich kriege es trotzdem inrgendwie hin, einen Kugelfisch, eine Robbe und einen Pinguin zu fabrizieren.



Ich weiss nicht wieso, aber oft bin ich erst dann gluecklich, wenn ich etwas erschaffen kann. Vielleicht gibt das eine Art Machtgefuehl. Vielleicht ist es aber auch nur die Befriedigung, etwas Schoenes zu erstellen, wo keine Kunst ist. Ich frage mich, wieso die Menschen das einzige Tier sind, dass diesen Durst nach dem Erschaffen hat, der ueber das Ueberlebenswichtige hinausgeht. Wenn Voegel ihr Nest bauen ist es schliesslich nicht da, um schoen auszusehen, oder weil ihnen langweilig ist.
Ein bisschen Origami falten wir schliesslich doch noch. Hikaru ist wirklich gut darin und faltet mal eben ein dreidimensionales, dreieckartiges Wuerfelding, das sie mir schenkt.



Ich bekomme es gerade mal hin, Shuriken und eine Box zu falten, aber ich werde auf jeden Fall noch mehr lernen. Mori sagt, sie koenne ueberhaupt kein Origami.
Um halb zwei Nachts packen wir Alles wieder zusammen und gehen ins Bett.

Pinsel, Schwert und Tintenfisch
Sonntagmorgen ist wieder ganz gemuetlich. Ich stehe auf und dusche, bevor Hikaru und Mori wach sind, wecke sie und wir Fruehstuecken, wobei mal wieder der Fernsehr laeuft. Das scheint in japanischen Familien normal zu sein. Mich stoert es ausnahmsweise nicht allzu sehr, weil wir im Internat nur einen Schrottfernsehr haben und weil ich japanische Werbung mag. Die ist einfach huebsch anzusehen, egal was sie verkaufen will, und ich habe eine Schwaeche dafuer. Wir fahren wieder zu Jusco, um frischen Tintenfisch fuer das Mittagessen zu kaufen und besorgen nebenbei noch ein paar Stifte zum Basteln und ich kaufe echten Ton, weil ich auf den Geschmack gekommen bin und Toepfern zu meinem neuen Hobby wird.





Wir bummeln noch durch saemtliche bunte Kitschlaeden, bis Mori feststellt, dass ihre Temperatur zu hoch ist und nach Hause geht. Jetzt muessen wir ohne sie essen.



Takoyaki zu zubereiten ist nicht schwierig. Die Familie hat dafuer extra ein Takoyaki-Eisen.



Man giesst den Teig auf das heisse Eisen, streut Zwiebeln, Tako, Ingwer und Kaese dazu, wartet ein bisschen und dreht die Teighalbkugeln dann in der Form um, so dass sie zu Teigbaellchen werden.



Das Zubereiten macht beinahe mehr Spass als das Essen. Und es ist auch einfacher, Tintenfisch auf diese Art zu essen, wenn er verpackt ist. Nach dem Essen gehen wir zu Hikaru’s Onkel, der Shoudo (Kalligraphie) Lehrer ist.



Er ist, wie die ganze Familie, nett und begeistert von meinem Talent. ich darf mich an dieser Stelle selbst loben, weil ich weiss, dass ich ein Kuenstler bin. Das nennt man Selbstbewusstsein (und Arroganz), aber wieder zu den wichtigen Dingen: Das erste Kanji, das ich mit echter inte und einem Pinsel schreibe ist “Hikaru” (Glanz, Schein).



Hikaru ist in Shoudo trotzdem viel besser als ich, wie ich unschwer erkennen kann. Das Kanji, welches wir danach ueben ist “wa” und bedeutet “Frieden, Einigkeit, Harmonie”. Ich mag dieses Kanji. Hikaru’s Onkel erklaert mir, was ich falsch mache, welcher Strich zu lang, zu kurz oder nicht richtig gekruemmt ist und wie genau ich den Pinsel halten muss.



Shoudo ist nicht viel anders als Bogenschiessen, Ninjutsu oder Naginata, und in irgendeinem Martial Arts Film (ich glaube es war “Tiger & Dragon”) wurde einmal gesagt, man koenne an jemandes Shoudo erkennen, ob diese Person Schwertkampf beherrscht. Ich finde es bizarr, dass eine Kalliegraphiekunst so viel mit Kampfkuensten gemeinsam hat, aber es macht Sinn. Wenn man zeichnet, schreibt, Skulpturen macht oder malt, ist das eine erschaffende Kunst nach Aussen. Wenn man kaempft, schiesst oder tanzt ist es eine eigene, innere Kunst, die man mit sich selbst veranstaltet. Aber kommt nicht auch die erschaffende Kunst von Innen?



Hikaru’s Onkel verschwindet fuer einen Moment aus dem Shoudozimmer, um meine Kalliegraphie in der Familie herumzuseigen. Das Erste, was ich in Japan staendig gehoert habe, war “kawaii” (suess), das Zweite “takai” (gross) und nun hoere ich staendig nurnoch “jouzu” (begabt). Wahrscheinlich bin ich am Ende des Jahres mit Komplimenten so ueberfuettert, dass ich mich fuer eine Art Uebermenschen halte. Hikaru’s Onkel behaelt meine Kanji fuer wenn ich wiederkomme. Ich werde definitiv wiederkommen.



Das Ding mit Kanji ist, dass sie keiner braucht, jeder hasst, aber jeder lernen muss. Warum konnte mir noch niemand erklaeren. Wenigstens sehen sie schoen aus.
Zum Abendessen gibt es Yakitori (Fleischspiesschen). Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass alle Speisen den gleichen Namen haben? Yakitori, Yakiniku, Yakimo, Takoyaki (ich glaube Yaki heisst gegrillt) …
Nach dem Essen basteln Hikaru und ich unsere Do-it-Yourself-Plastik-Bild-Anhaenger zuende und ich muss wieder ins Internat.



Die Familie schenkt mir zum Abschied einen Fudepen und eine grosse Tuete Suesses. Ich bedanke mich ueberschwaenglich, denn ich hatte mit Abstand das beste Wochenende in Japan, und ich darf wiederkommen. Mori hat mir versprochen, beim naechsten Mal “Annin-Doufu” zu machen, etwas, von dem sie ueberzeugt ist, dass es in den Dominosteinen war, die ich der Familie geschenkt habe. Im Auto reden Hikaru und ich mit ihrer Mutter darueber, dass wir am 23. Dezember nach Tokyo gehen moechten, um TAO zu sehen, die Taiko (Trommel) Gruppe, die ich schon in Hamburg gesehen habe und die mich damals schon von den Socken gehauen hat. Wir hatten den Tourneeplan im Internet gefunden, nachdem Hikaru das Bild von Era Takuya in meinem Skizzenblock gesehen hatte und wissen wollte, wer das ist. Am 23. sind sogar Ferien, dank dem Imperator, der an diesem Tag Geburtstag hat. Hikaru’s Mutter ist begeistert. “Taiko? Das liebe ich auch! Total!” Und es steht fest, dass sie mitkommt. Sie erzaehlt, wie sehr sie dazu auch Shamisen liebt und auf einem Konzert der Yoshida Brothers war (Shamisen-Rock). Ich kann Dezember kaum noch erwarten.
Das Internat ist, nach dem man in einer Gastfamilie war, noch viel haesslicher. Trotzdem kann es meine Laune nicht daempfen. Es ist, als ob die Welt allein dadurch bunter waere, dass man nur weiss, was es auf ihr Schoenes gibt. Dazu muss es nicht einmal anwesend sein. Und ich habe gelernt, dass ob man sich an einem Ort wohl fuehlt, praktisch allein von den Menschen abhaengt. Schliesslich ist der Mensch, wie meine Mutter so gern sagt (es wird geraten, solche Saetze auf Dates zu vermeiden), ein soziales Wesen. Egal wie asozial er ist. Man kann sich auch in der Kanalisation wohl fuehlen, solange man dort mit den richtigen Leuten abhaengt.

(19.11.09) Interessengruppen

10. Dezember 2009

Suzuka ist das Maedchen in meiner Klasse, das mir gleich dadurch aufgefallen ist, dass sie eine rot-schwarze Federtasche besitzt, keine pinke. In den letzten Wochen wurde immer klarer, dass sie nicht ganz so ist wie die anderen. Sie mag Harry Potter, hat sogar einen Harry Potter Schal, lacht von allem am freiesten und scheint nicht gleich Alles auf der Welt als peinlich zu empfinden. Jeden Tag tauscht sie mit Yuka eine undurchsichtige Tuete. ”Na, was ist das Boeses drin, das niemand sehen darf?”, denke ich, aber kuemmere mich nicht weiter darum, bis Suzuka mich in Home Economics mit einer seltsamen Frage ueberrumpelt. “Bist du Sadist oder Masochist?”, fragt sie waehrend wir das Gemuese schneiden. Ich bin total geplaettet durch die Tatsache, solche Worte aus dem Mund eines japanischen Maedchens zu hoeren. Komplett hinter meiner Fassade eines netten Maedchens gefangen, habe ich keine Ahnung, wie ich reagieren soll. Ist es ueberhaupt moeglich, dass diese Begriffe in unseren Koepfen das Gleiche meinen? “Ja.”, meint sie als ich nachfrage, als waere es das Natuerlichste der Welt. Ich brauche eine Zeit, bis ich herausbringe: “…aeh. Keine Ahnung. Vielleicht beides.” Und wundere mich nurnoch, wozu jemand so etwas fragt. “Ich bin Masochist.”, verkuendet sie froehlich. “Du magst Schmerzen??!!”
Ein paar Tage spaeter sitzen wir im Computerraum und mir ist langweilig, weil die Computer so lange zum Booten brauchen, also frage ich sie nach ihren Lieblingsmangas, nicht beachtend, dass ich davon sowieso keinen kennen wuerde, ausser Naruto und Death Note. Danach frage ich nach dem Genre, einfach um irgendwas zu fragen. “Shojo…” (Maedchenmanga), sagt sie.
“Magst du Shonen-ai?”
“Shounen?” Sie hat mich missverstanden.
“Yaoi.”
“Psssst. Das darf man nicht sagen.”, kichert sie und sieht sich nervoes um. “Magst du das?”
“Ja.”, gebe ich zu, alle Besorgnisse ueber Bord werfend. Wenn es jemanden gibt, der das versteht, dann sie.
“Ich auch.”, kichert sie und sieht sich um. “Aber psssst. Nachher.”



Beim Essen schiebt mir Yuka einen Zettel herueber. “Now I understand why you have the gay-badge.”
Der kleine Button mit der Aufschrift “GAY” auf meinem Rucksack. Ich haette mich dafuer geschaemt, ihn abzunehmen, also blieb er dran, egal was fuer Missverstaendnisse aufkommen wuerden.
Menschen sind Menschen und Nichts weiter, dass ist die wahre Aussage.
Yuka hatte mich in den ersten Wochen einmal gefragt, warum ich das Teil trage, aber mein Japanisch war zu schlecht um es ihr zu erklaeren. Ich habe immer vermutet, dass sie mich seitdem fuer lesbisch haelt.
Jetzt verstehe ich, was in den Tueten ist, die sie jeden Tag tauschen. “Kommt mal eben mit aufs Klo.”, fluestert Yuka zu mir und Suzuka. Die beiden machen ein Tamtam um die Sache, so dass ich mich fuehle wie zu Stasi-Zeiten. Im Vergleich zu Deutschland ist es bizarr, dass man erst aufs Klo gehen muss, um ueber bestimmte Themen zu reden. In Deutschen Schulen, wo ich meinen Freunden offen sichtbar jeden Manga geben kann, den ich will, wo aus allen Ecken Innuendos, phallische Begriffe und andere Genitalien zu hoeren sind und Sexualitaet bis zur Vulgaritaet woertlich ausgeweidet wird. Wo perverser Weise sogar gern die eigenen Bettgeschichten in der Klasse herumerzaehlt werden und es praktisch kaum sexuelle Tabuthemen gibt. Entweder das, oder meine Klasse war ein Ausnahmefall. Ich sage nicht, dass man nicht ueber Sex reden sollte, aber es scheint mir, dass weder der Westen noch der Osten das richtige Mass kennt. Trotz Allem sind Japaner anscheinend nicht so asexuell, wie ich dachte. “Das haette ich echt nicht von dir erwartet.”, sagt Yuka zu mir. Danke gleichfalls. Nun, da wir in eine Interessengruppe fallen, zeigen Yuka und Suzuka sehr viel mehr Interesse an mir. Ich wuenschte mir ein anderes Thema, aber ich erkenne nun wenigstens, wo das Problem mit den Freunden liegt. Mich halten einfach Alle fuer genauso langweilig, wie ich sie, was ich allein meiner daemlichen Schauspielerei zu verdanken habe. Teilweise bin ich richtig froh darueber, dass mich kein Deutscher sieht, weil ihnen bei meiner Art wahrscheinlich die Kinnlade herunterfallen wuerde. Ich versuche mittlerweile, mich wieder ein bisschen auf mich selbst zuzubewegen, aber ich habe so daran gewoehnt, dass mein Koerper sich von alleine bewegt, um Leuten ihre heruntergefallenen Stifte aufzuheben und ihnen die Tueren aufzuhalten. Ich hoffe nur, dass irgendwo dort drinnen noch eine Charlotte ist, sie spaetestens auf dem Rueckflug zurueckkommt, um Mitschueler und Lehrer zu terrorisieren und jeden mit ihrer Arroganz zu nerven. Auf jeden Fall ist sie noch da, wenn Lehrer etwas Falsches an die Tafel schreiben. Es juckt mich in den Fingern, zu sagen, dass es kompletter Schrott ist, besonders wenn wir dann so schoene Saetze wie
“I helped at several children’s.” oder “The things which he said is true.” haben. Solche Fehler darf ein Schueler machen. Ein Lehrer darf es nicht. Trotzdem halte ich dann doch lieber die Klappe, weil eines Lehrers Autoritaet zu untergraben unmoeglich ist.
Yuka schlaegt vor, zusammen zu einem Mangaladen zu gehen, und ich nehme gerne an, obwohl ich keinen einzigen Manga verstehen werde.
Im Moment ist Winter. Es ist so hundskalt, dass beim atmen in der Turnhalle weisse Nebelwolken entstehen. Wir laufen beim Naginata barfuss herum und nach einer Weile spuere ich meine Fuesse nicht mehr, aber das ist egal. Suzuki-sensei hat mein Anfaenger-Privileg beendet. Jede Kleinigkeit, die ich falsch mache, muss ich wiederholen, bis sie stimmt, aber am Ende ist sie schliesslich zufrieden und sagt, dass ich ein gutes Herz habe. Das Problem ist nur: Der Kopf weiss, wie es richtig ist, der Koerper nicht. Ich brauche St. Joan’s Muscle Memory.

(14.11.09) Ninja

09. Dezember 2009

Mitten in der Nacht werde ich halbwach davon, dass mein Bett hin und her schwankt. “Das muss aber ein fetter Sturm sein, wenn das ganze Haus wackelt…”, denke ich und schlafe weiter. Erst als ich am morgen aufstehe, wird mir klar, dass es ein Erdbeben war. Hoffentlich erlebe ich noch einmal eines, bei dem ich wach bin. Dann kann ich auch Fotos machen (bitte jetzt lachen). Mittlerweile habe ich mich an die kalten Duschen gewoehnt. Nach einer Zeit sind sie schon fast angenehm, auch wenn die Japaner mich dafuer verrueckt halten. Hey, frueher habt ihr das auch gemacht. Ich probiere zum Fruehstueck “endlich” einmal Natto.
Ich weiss nicht, was es darstellen soll, aber aussehen tut es wie Ausscheidungen eines kranken Hundes, der zuvor Bohnen gegessen hat, vermischt mit Senf, Babykotze und Uhukleber. Man tut diesen Schleim in eine Schale Reis, wobei die Bohnen lange Faeden ziehen. Frueher wurde dieser Stoff verwendet, um mit dem Geruch die Gehirnzellen seiner Feinde abzutoeten. Der Reis ist als Polster noetig, damit der aetzende Schleim nicht durch den Boden der Schale sickert. Der Geschmack kommt dem von Batteriesaeure erstaunlich nahe, und ich kann ihn gerade so herunterwuergen. Erstaunlicherweise ist es essbar. Ich hasse es wirklich wirklich aber sterbe nicht daran. Das ist nur ein weiterer Trick des boesartigen Natto. Der Tod durch Vergiftung wuerde den Essenden wenigstens von seinen Qualen erloesen. Aber genug vom Essen.
Kurata-sensei nimmt mich mal wieder mit nach Tokyo, zu irgendeinem Konzert, bei dem ich sowieso einschlafen werde, aber das ist ja auch nicht der Grund, warum ich mitkomme. Zuerst gehen wir naemlich ins Edo-Tokyo Museum. Edo war Tokyo’s frueherer Name und daher wurde diese Periode danach benannt. Das Museum sieht wieder einmal aus, als waere es aus star wars geklaut, und Kurata-sensei erzaehlt, dass es den Staat sehr sehr sehr viel Geld gekostet hat.



Weil der Bau so aufwendig war, oder weil George Lucas wegen Copyrightverletzung geklagt hat? Das Highlight des Museumsbesuch ist definitiv das Minikonzert der beiden Typen mit dem E-Shamisen (Shamisen = Japanische Gitarre) und den Trommeln.



Das ich diese instrumente liebe, weiss ich schon lange. Ich habe sogar schon gefragt, ob es an meiner Schule Shamisen gibt. Leider nicht. Was die beiden spielen, bezeichne ich als richtige Musik. Kurata-sensei jedoch, scheint meine Begeisterung nicht zu teilen.


Das Museum ist in zwei Teile unterteilt: Edo-Periode und Meji-Aera. Meji ist die Zeit um den zweiten Weltkrieg herum, als alles amerikanisiert wurde. Es ist ziemlich klar, welcher Teil mir besser gefaellt.





Essen und Konzert sind nicht erwaehnenswert genug, um davon zu erzaehlen, aber danach besuchen wir Tezuka-sensei. Achter Dan im bujinkan Ninjutsu, Schueler von Soke Hatsumi Masaaki. Er trainiert seine Schueler in einem oeffentlichen Haus mit mietbaren Raeumen. Der Trainingsraum ist ein kleines bisschen groesser als mein ehemaliger in Hamburg und es gibt nur Parkett, keine Tatamimatten.



Demnach habe ich nach dem Training auch ein paar blaue Flecken. Tezuka-sensei spricht fuer einen Japaner sehr gut Englisch, meiner Meinung nach sogar besser als Kurata-sensei, auch wenn dieser eigentlich besser ist, aber sein Englisch hat diese unangenehme Peinlichkeit, die mir missfaellt. Es hoert sich an, als wuerde er bei jedem Wort am liebsten im Boden versinken. Tezuka-sensei dagegen redet einfach. Ich mag diese Selbstsicherheit. Das ist naemlich nicht, keine Fehler zu machen, sondern sich nicht darum zu kuemmern. Tezuka-sensei hat nur sehr wenige Schueler, was ein erheblicher Vorteil sein muss. Wir sind etwas unter zehn Leute, jeder hat genug Platz. Nach dem Aufwaermen sind zuerst die basics dran: Omote gyaku, Ura gyaku, Musha Dori…



Danach tranineren wir ein bisschen mit dem Bo (langer Stab), der bis jetzt meine Lieblingswaffe ist.



Wir ueben sogar den Trick mit dem Seil, mit dem man die Hand des Gegners faengt. Es ist so erstaunlich, wenn man jemanden in Realitaet diese Dinge mit einer Leichtigkeit tun sieht, die man sonst nur aus Martail-Arts Filmen kennt.



Zuletzt kaempfen wir Drei gegen Einen. Fuer mich in Zeitlupe, damit ich ueberhaupt eine Chance habe. “Ein Ninja will nicht gewinnen, ein Ninja will nur ueberleben.”, sagt Tezuka-sensei. “Wenn du weglaufen kannst, lauf weg.” Ich finde diese Regel ist eine der Schwierigsten. Ich glaube, wenn ich die Faehigkeiten dazu haette, wuerde ich jemanden, der mich angreift, erst platt machen muessen, bevor ich zufrieden waere. Alles in Allem ist es ein sehr interessanter Abend, nach dem mir Alles weh tut. Auch mein Kopf, weil ich so viel denken muss. Ich moechte Kampfkunst lernen, aber ueberall fehlt mir der Spirit. Nichts ist gut genug, Alles geht mir zu langsam, ist zu unkonzentriert oder wie beim Naginata: Wettkampforientiert. Und wer behauptet, ich waere nicht an Sport interessiert, sollte ueberlegen, ob es nicht bessere Sachen zu tun gibt, als zufaellige Geruechte zu verbreiten. Zum Beispiel seine Arbeit zu tun.

Ich habe Kurata-sensei einige Fotos vom Training machen lassen, aber er meinte, ich duerfte sie nicht ins Internet stellen, weil sie Angst haetten, die falschen Leute koennten von diesen Fotos lernen. Ich halte das fuer vollkommen uebertrieben. Es gibt massenhaft Videos im Internet zum Thema Ninjutsu, die informativer sind, als ein paar willkuerliche Fotos, sogar offizielle. Wenn man danach sucht, kann man Anleitungen zum Bau einer Bombe finden. Um aus ein paar Fotos etwas zu lernen, muss man so viel Muehe aufwenden, dass man dafuer schon zehn Mal einem Kampfsportverein haette beitreten koennen, falls es ueberhaupt moeglich ist.

Yakimo (10.11.09)

03. Dezember 2009

Der Tag verlaeuft wie gewohnt langweilig und ich zeichne mich durch den Unterricht. Falls ein Bild gut wird tapeziere ich damit die Wand ueber meinem Bett und bis jetzt hat sich noch kein Lehrer beschwert, was auch an meinem Auslaenderstatus liegen mag.





In Wahrheit zeichne ich nicht aus Langeweile, sondern vor Allem, weil ich sonst einschlafe. Ich habe eine Art Narkolepsie entwickelt. Da ist es vermutlich weniger unhoeflich, ein paar tolle Zeichnungen zu produzieren. Das erinnert mich an etwas, das Mr. Burke gesagt hat, er er mir Privatunterricht in japanischer Geschichte gab: Als in Japan Frieden war und sie nicht mehr keampfen konnten, sind die Kuenste explodiert. Irgendwo muss man Energie und Gefuehle schliesslich loswerden. Mir waere ein Kampf im Moment lieber. Ich frage mich, wie ein Japaner mit seinem Leben zurecht kommen kann, wenn es keine Aussprache und keinen Streit gibt. Ich habe noch niemals jemanden streiten sehen und auch die Schueler gehen miteinander um, als ob sie aus Porzellan waeren. Jedenfalls die Maedchen. Natuerlich sind die Jungs etwas rauher, aber streiten tun sie, soweit ich es beurteilen kann, auch nicht. Nach der Schule gehe ich zum Naginata. An diesem Tag sind es nur ich, Ayano und Misaki und Suzuki-sensei, die uns in dem grossen Auto zu der Turnhalle einer anderen Schule faehrt. Beim Aussteigen hoere ich einen seltsamen Gesang. “Was ist das?”, frage ich Ayano. “Ist in der Naehe ein Tempel?” Sie sagt, es waere ein Lied fuer Essen, Yakimo, und ich kapiere Nichts. Als sie die anderen fragt, wie sie es erklaeren soll, schickt Suzuki-sensei uns kurzum wieder in den Wagen und wir fahren in Richtung des Gesangs. Ayano holt ihren Vokabelcomputer heraus und tippt, bis sie es gefunden hat: “Ah, sweet potato!” Der Gesang stammt von einem alten Mann, der mit seinem Auto durch die Nachbarschaft faehrt und Kartoffeln verkauft. Yakimo ist laenglicher als die Deutsche Kartoffel, gelb innen und lilafarben auf der Aussenseite. Sie wird gegrillt und dann gegessen. Suzuki-sensei kauft gleich ein paar grosse fuer uns und wir fahren zurueck zur Turnhalle, vor der wir uns auf eine Treppe setzen und essen und den Tee trinken, den Suzuki-sensei uns aus einem Convenience (”Conbini”) Store aus der Naehe holt. Es ist friedlich und die Kartoffel schmeckt gut. Ich kann mir vorstellen, dass man auf einer dieser Kartoffeln pro Tag ueberleben koennte, da sie schrecklich satt machen. Waere es besser gewesen, ich wuerde dieses Jahr in einem Tempel oder Kloster verbringen? Ich muss durch die Atmosphaere auf den Gedanken gekommen sein. Das schlechte an Yakimo ist, dass ich sie in Massen (nicht Massen MAAAAssen ich hab kein sz) geniessen muss. Sobald ich ein bisschen zu viel davon esse, schmeckt es widerlich und mir wird uebel. Suzuki-sensei ist enttaeuscht, als ich einen Nachschlag ablehne, aber es ist vermutlich weniger hoeflich, ihr auf die Fuesse zu kotzen. Als wir mit Essen fertig sind, lohnt es sich nicht mehr, zu ueben und wir fahren zur Schule zurueck. Vollgefressen und untrainiert, eine halbe Stunde vor dem Abendessen, das geht nicht. Also jage ich mich drei Runden um den Sportplatz und suche mir ein Stueck Gras, auf dem Ich Kampfrollen, Radschlag, Handstandabrollen und aus dem Liegen Aufspringen uebe. Es ist dunkel, niemand sieht mich und es fuehlt sich an, als haette ich ein Stueck meiner Freiheit zurueck. Sandige Haende, Erde in den Haaren und Gras auf dem T-Shirt. Kurz vor dem Essen renne ich noch einmal zurueck in mein Zimmer um mich umzuziehen. Als ob ich Sport gemacht haette sehe ich trotzdem aus und als Yuka und Moe sich zu mir an den Tisch setzen, starren sie mich an, als haette ich menschliche Ausscheidungen im Gesicht kleben. “Du siehst nicht gesund aus.”, sagt Yuka, als ob es ihr unangenehm waere und ich verstehe erst nicht, was sie meint. “Wer ich? Nicht gesund?” Ich bin defintiv das gesuendest lebende Maedchen in den Dormitories. Yuka und Moe drucksen herum und ich frage mich, ob sie eigentlich sagen wollte: “Du hast die Vorhaenge nicht richtig zugezogen und wir haben dich beim Umziehen gesehen.” Japaner koennen manchmal wirklich so in Raetseln sprechen. Genauso vorwurfsvoll klingt es. “Nunja…”, murmelt Moe. “Du siehst nicht gesund aus.” Ich schuettele den Kopf. “Ich bin nur gelaufen, ich bin gesund.” Sie behandeln die Sache, als ob es etwas aeusserst Peinliches waere. “Wirklich?”, fragt Yuka zweifelnd und ich werde wuetend. Ich muss mich ja wohl nicht auch noch dafuer rechtfertigen, dass ich im Gegensatz zu den schwachwurmigen Maedchen auf meine Bewegung achte, dass ich es nicht aushalte, solange ohne Bewegung zu leben. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem Moe und ich zusammen einkaufen waren. Ich fragte sie, ob sie in einem Schulclub ist. “Nein, das ist zu nervig.” Spaeter am gleichen Tag gingen wir in einen Laden und sie versuchte mich von plueschigen Haargummis zu ueberzeugen. “Moe… sowas steht mir nicht.”, sagte ich, aber sie hielt mir ganz begeistert ein babyblaues Haarband entgegen. “Quatsch!”, sagte sie und kam noch mit ein paar rosafarbenen an. “Mir steht kein rosa, es passt nicht zu mir.”, versuchte ich zu erklaeren, aber sie verstand kein Wort. “Allen Frauen steht Rosa!”
Ich finde nicht, dass kein Rosa zu tragen mich zu weniger Frau macht. Ich bin einfach anders als sie. Ich bin anders als Japan. Ich bin sogar anders als Deutschland, aber nicht so viel. Ich erinnere mich auch daran, dass ich bevor ich herkam einmal zu meinen Eltern sagte: “Ich bin total verrueckt. Ich gehe in ein Land, das all das tut, gegen das ich bin und all das, was ich bin, nicht versteht. Ich wusste es also schon vorher und kann die Schuld nur mir selbst geben, da ich trotzdem hergekommen bin. Ich haette vielleicht nach Tansania gehen sollen. Nach Australien, Kanada oder sonstwohin. Vielleicht war es die Gier nach einer Herausforderung. Ich vermute, ich habe erwartet, im Gegenzug etwas dafuer zu finden. Etwas von dem alten Spirit. Von der Liebe zur Kunst, der Maessigkeit und buddhistischer Denkweise. Eine Kultur und ihre Tradition, von der ich so viel Schoenes und Gutes gehoert, gesehen und gelesen habe. Ich hatte wirklich eine naiv romantische Vorstellung von Japan. Gespickt mit stereotypischen Fantasien und Vorurteilen, die sogar die Fakten, von denen ich wusste, ueberdeckt haben.

(1.11.09) Chuo University

25. November 2009

Am Sonntag gehe ich mit Hasuma-sensei und ein paar Unterstuflern nach tokyo. Warum, weiss ich erst nicht, ich sage einfach “ja” zu allen Aktivitaeten, nach denen ich gefragt werde. Es stellt sich heraus, dass wir die “Chuo University” besuchen, die einen “Open Campus”-Tag veranstaltet. in der Gruppe aus Schuelern gibt es sogar einen Jungen, mit dem ich schon einmal geredet habe, und ich beschliesse gerade, zu versuchen mich mit ihm anzufreunden, als Hasuma-sensei zu mir sagt: “Du gehst heute mit Kumiko, Aoi und Rumi mit, ok?”



Was auch immer. Es gibt nur ein kleines Problem: Kumiko ist das schuechternste Maedchen des Universums, Rumi ist ein Blobfischartiges Wesen, das das Bewusstsein einer Lauchzwiebel zu besitzen scheint und Aoi ist auch nicht gerade die Aufgeschlossenste. Was immer ich sage, sie sehen zu Boden und bringen kaum einen Ton heraus. Es wird auch nicht besser, nachdem ich frage, WARUM sie so verdammt schuechtern sind. Was hat Hasuma-sensei sich dabei gedacht? In unserer Gruppe gab es sogar ein paar Maedchen, die viel offener und vor allem auch aelter waren, aber er packt mich zu den Windeltraegern.



Die Universitaet besteht aus vielen grauen Kaesten, die wirklich haesslich sind. Ein echter “Tag der offenen Tuer” ist es nicht, da es kaum Informationen, sondern nur “Brot und Spiele” gibt.



Mit den Spielen gestrichen. Damit meine ich Unmengen von Essensstaenden und eine Buehne, auf der Musik gespielt wird. Zuerst essen wir Crepe mit Creme, Bananen und Cornflakesfuellung und dann Crepe mit eingebratenem Gemuese.



Essen ist eigentlich alles, was wir in den ganzen Stunden machen koennen. Wir finden schliesslich doch noch ein “Geisterhaus”. Es ist nicht schlecht gemacht, alles ist schwarz verkleidet und stockdunkel aber kein bisschen gruselig. Natuerlich sehen die Japaner das wieder einmal anders und kreischen sich die Lunge aus dem Hals. Stimmt, ich uebertreibe. Die Musik dagegen ist wirklich nicht schlecht. Am Besten finde ich die “Sexmachineguns” (wo sie den Namen wohl herhaben) und das nicht, weil einer der Gitarristen ein Goth ist.



Nach ihnen treten ein paar Typen auf, die Linkin Park covern, was natuerlich im Vergleich mit dem Original fast so schlimm ist wie Bibi Blocksberg Kassetten. Viel mehr als Musik hoeren und Essen tun wir also wirklich nicht. Auf dem Rueckweg halten wir noch an einem Einkaufturm, von dem aus man die Tokyo-Bay-Skyline und die umliegende Gegend sehen kann.



Hasuma-sensei fragt mich, was ich gegessen habe und ich liste die Unmengen an Crepes und Suessem auf. “Was, so wenig?”, fragt er und es ist kein Scherz. “Ich bin wirklich satt und das war alles so ungesund.”, versichere ich. Aber er meint: “Du musst etwas essen.” und schleppt mich zu einem Laden. “Hier, das ist gesund fuer dich.”, sagt er und drueckt mir einen fettigen, panierten Fisch am Spiess in die Hand.

Halloween (30.10.09)

12. November 2009

Da Japan so viel amerikanische Kultur uebernimmt gibt es hier natuerlich auch Halloween. Es ist das erste Fest, von dem ich etwas mitbekomme. Allerdings ist es kein Fest in dem Sinne, dass man es feiert, sondern konsumiert. Es gibt sehr viel Deko zu kaufen und sehr viele Suessigkeiten. Das mit Freunden von Haus zu Haus Ziehen wurde weggelassen. Mir waere es lieber, ein paar japanische Feste kennen zu lernen, aber das wird wohl nicht passieren, bevor ich in eine Gastfamilie komme. Am Freitag macht der Englischclub eine Halloweenparty und ich gehe hin, weil ich die Leute dort mag. Mr. Burke hat sich als Mumie verkleidet und sich von oben bis unten bandagiert, Mrs. Bruni traegt ein etwas seltsames, kurzes, pinkes Kleidchen, in dem sie jeden Tag herumlaufen sollte.



Ich bin etwas spaet und als ich einsteige steht Tanzen auf dem Plan. Mr. Burke verliert alle seine Bandagen und mir fallen die Katzenohren ab, die Thawatchai mir aufgesetzt hat.



Danach spielen wir Bingo, bei dem ich ordentlich Suesses abraeume. Ich wusste garnicht, dass es Kuerbiskitkat gibt. Zuletzt zuenden wir die zwei ausgehoelten Kuerbisse an, die wahrscheinlich von den Unterstuflern gebastelt wurden.



Ich waere so gern dem Naginata- UND dem Englischclub beigetreten aber nur eins von beiden war moeglich und ich bekomme sowieso nicht so viel Bewegung, wie ich braeuchte. In allen Vorbereitungen wurde immer nur gesagt: “Pass dich an, tu alles, was man dir sagt und auf den Nagel, der raussteht, wird draufgehauen.” Aber ich denke, wenn es einen krank macht, geht das zu weit. Ich denke, wenn man etwas braucht, soll man es sich nehmen. Dazu zaehlt fuer mich Freiheit, Bewegung und gesunde Ernaehrung. Die Haelfte der Suessigkeiten, die ich ergattere landet im Muell. Niemand sollte etwas essen, das neonfarben ist und schmeckt, als waere es aus zahlreichen Chemikalien gekocht. Das Essen in den Dormitories ist schlecht genug. Es gibt fast nie Fruechte, ein Apfelviertel zum Nachtisch ist eine Ausnahme und sonst triefen die Gerichte oft vor Fett. Zum Glueck habe ich in Kimitsu einen Laden gefunden, der Aepfel verkauft. Vermutlich gespritzt und genmanipuliert aber besser als Nichts. So viel zum Essen.
Weil ich ein Emo ohne Freunde bin, beite ich nach der Party an, beim Aufraeumen zu helfen. Thawatchai und die anderen sind schon gegangen, weil sie ihren Bus bekommen muessen. Ich mag alle wirklich gern, aber es ist schwierig sich anzufreunden, weil sie eine geschlossene Gruppe sind und auch noch in die gleiche Klasse gehen.



Thawatchai hat bis jetzt alle meine Anfragen, sich am Wochenende zu treffen, abgelehnt. Dafuer rede ich ein bisschen mit Mrs. Bruni, waehrend wir die Kuerbisse heruntertragen, die mir erklaert, warum in meiner Klasse nur langweilige Roboter sind. Die Aufnahmetests wurden schwieriger gemacht und die Schueler, die in meiner Klasse sind, wollten mehr Englisch lernen. Viel Glueck dabei. Nach Mrs. Bruni’s Worten sind sie konzentrierter und ehrgeiziger als die anderen. Meiner Meinung nach ist 2D, die Klasse in die ich gehe, wenn wir Japanese Classics haben, einfach viel entspannter und hat eine bessere Atmosphaere als die Lappen in meiner eigenen Klasse. Ausserdem wirken sie um laengen erwachsener, was bei nur einem Jahr Unterschied etwas verwunderlich ist.